Pauline erzählt: Jugendstil – als die Möbel plötzlich Kurven bekamen

Pauline erzählt über Jugendstil und antike Möbel um 1900

Pauline entdeckt den Jugendstil um 1900 – und stellt fest, warum die neue Kunst plötzlich Kurven bekam, die Natur ins Haus holte und bis heute erstaunlich modern wirkt.

Hallo ihr Lieben,

ich möchte gleich zu Beginn etwas klarstellen: Ich habe nichts gegen Kultur. Wirklich nicht. Kultur ist eine feine Sache – solange sie nicht vor dem Frühstück stattfindet. An diesem Morgen lag ich gerade ausgesprochen günstig in meinem Körbchen. Ein Ohr unter mir, das andere dekorativ über dem Rand, Augen geschlossen. Kurz gesagt: Ich arbeitete. Frauchen saß am Computer. Das ist zunächst nichts Beunruhigendes. Meistens verkauft sie etwas, sucht etwas, kauft etwas oder schimpft darüber, dass irgendein Computerprogramm genau das Gegenteil von dem macht, was sie möchte. Dann wurde es verdächtig still.

„Pauline, wir müssen uns mal wieder um den Jugendstil kümmern.“ Ich öffnete ein Auge. Jugend? Hier? Mutige These. Frauchen ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie stand auf und marschierte Richtung Möbel. Ich hinterher. Nicht aus Interesse – rein dienstlich. Man weiß schließlich nie, ob unterwegs etwas Essbares herunterfällt.

Pauline auf Zeitreise in die Welt des Jugendstils um 1900

Als plötzlich keiner mehr das Alte nachmachen wollte

„Um 1900“, erklärte Frauchen, „wollten viele Künstler etwas völlig Neues.“ Aha. Das konnte dauern. Aber die Geschichte dahinter war tatsächlich interessant. Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich Europa rasend schnell. Die Städte wuchsen, Fabriken entstanden und Maschinen konnten Dinge plötzlich in großen Mengen herstellen. Möbel, Haushaltsgegenstände und Dekoration wurden immer stärker industriell gefertigt. Und genau dagegen regte sich Widerstand.

Junge Künstler, Architekten und Kunsthandwerker hatten keine Lust mehr, ständig vergangene Epochen nachzuahmen: hier ein bisschen Barock, dort Rokoko und wenn noch Platz war, vielleicht noch etwas Renaissance obendrauf. Sie wollten eine neue Kunst für eine neue Zeit. „Also wollten die weg vom Alten?“, fragte ich. Frauchen nickte. Ich sah mich um: Schränke, Kommoden, Vitrinen, Tische, Stühle. Alt, älter, sehr alt. Dann sah ich wieder Frauchen an. „Ja, Pauline. Ich weiß.“ Gut. Wenigstens merkt sie es selbst.

Das Spannende war: Diese neue Kunst sollte nicht nur in Museen stattfinden. Sie sollte mitten ins Leben hinein. Ein Schrank durfte Kunst sein, ein Stuhl ebenso. Spiegel, Vasen, Schmuck, Tapeten und sogar Türgriffe wurden gestaltet. Schönheit sollte zum Alltag gehören. Das fand ich ausgesprochen vernünftig. Ich fordere seit Jahren dasselbe für meinen Futternapf.

Antiker Jugendstil Schreibtisch aus Eiche mit Leder um 1900
Jugendstil im Alltag: ein antiker Schreibtisch aus Eiche mit Leder um 1900.

Warum plötzlich Blumen über die Möbel wuchsen

Wir blieben vor einem alten Möbel stehen. „Guck mal genau hin“, sagte Frauchen. Das tue ich normalerweise nur bei Wurst, aber gut. Und tatsächlich: Wenn man Jugendstil-Möbel genauer betrachtet, entdeckt man überall die Natur. Blätter, Blüten und Ranken tauchen in Schnitzereien und Beschlägen auf. Linien laufen nicht einfach geradeaus, sondern schwingen und biegen sich. Während draußen Fabriken und Maschinen die Welt immer technischer machten, holten die Künstler die Natur wieder ins Haus. Pflanzen, Blumen, Libellen, Schmetterlinge und andere natürliche Formen wurden zu Vorbildern.

Antikes Jugendstil Buffet aus Eiche um 1900 mit Marmorplatte und Spiegel
Typisch Jugendstil: geschwungene Formen, florale Details und kunstvolle Handwerksarbeit.

Und dann waren da diese Kurven. Kaum etwas musste stur gerade sein. Ich betrachtete meine eigene Körperform. Endlich eine Kunstepoche, die verstanden hatte, dass Rundungen durchaus ihre Berechtigung haben. Frauchen meinte, ein Basset gehöre kunsthistorisch trotzdem nicht zum Jugendstil. Das ist ihre Meinung.

Antike Jugendstil Sitzgruppe mit Intarsien um 1910
Geschwungene Formen und feine Intarsien: eine Jugendstil-Sitzgruppe um 1910.

Natürlich hieß der Jugendstil nicht überall Jugendstil. Das wäre für Menschen offenbar zu unkompliziert gewesen. In Frankreich und Belgien kennt man ihn vor allem als Art Nouveau, in Österreich begegnet uns die Secession. In Deutschland setzte sich der Begriff Jugendstil durch. Und jetzt kommt einer dieser kleinen Aha-Momente: Der Name hat tatsächlich mit einer Zeitschrift zu tun. Die Münchner Kunst- und Literaturzeitschrift „Jugend“ erschien erstmals 1896 und wurde so prägend, dass ihr Name schließlich mit der neuen Stilrichtung verbunden wurde.

Ich war beeindruckt. Eine Kunstrichtung nach einer Zeitschrift zu benennen, eröffnet schließlich Möglichkeiten. Ich schlug umgehend den Pauline-Stil vor. Kennzeichen: weiche Formen, niedrige Bodenhöhe, großzügige Polsterung und eine auffällige Nähe zur Küche. Frauchen ignorierte meinen kunsthistorisch durchaus wertvollen Beitrag und zeigte stattdessen auf einen Beschlag. „Siehst du das?“ Ja. Ein Beschlag. Frauchen konnte sich darüber ungefähr so freuen wie ich über ein Stück Hühnchen.

Über 100 Jahre alt – und trotzdem nicht altmodisch

Aber genau darin liegt der Reiz. Jugendstil erkennt man nicht immer an riesigen Blüten und wilden Schnörkeln. Manche Möbel sind überraschend schlicht. Erst beim zweiten Blick entdeckt man einen geschwungenen Aufsatz, eine florale Schnitzerei, eine besondere Verglasung oder eben diesen einen Beschlag, der plötzlich verrät, aus welcher Zeit das Stück stammt.

Und manche dieser Stücke sehen überhaupt nicht aus, als müssten sie in einem Museum stehen. Man braucht heute kein komplettes Wohnzimmer wie 1905. Ein einzelner alter Schrank vor einer ruhigen Wand, eine Jugendstil-Anrichte zwischen modernen Möbeln oder ein alter Stuhl an einem schlichten Tisch können gerade durch den Gegensatz wirken. Frauchen nennt das gern Stilbruch. Ich nenne es logisch. Warum soll schließlich alles in einem Zimmer aus demselben Möbelprogramm stammen?

Ein antikes Möbel bringt außerdem etwas mit, das man neu nicht kaufen kann: Geschichte. Wer hat vor hundert Jahren diesen Schrank geöffnet? Was lag in seinen Schubladen? Welche Familien haben an diesem Tisch gesessen? Die Möbel erzählen es uns nicht, aber manchmal hinterlassen hundert Jahre eben Spuren. Und die dürfen bleiben. Natürlich muss ein Stuhl stabil sein, eine Schublade funktionieren und eine Tür schließen. Aber eine kleine Kerbe oder eine alte Oberfläche muss man nicht zwangsläufig verschwinden lassen. Das nennt man Patina. Ich habe übrigens ebenfalls Patina. Vor allem an den Ohren. Frauchen nennt es gelegentlich „Pauline, du musst dringend sauber gemacht werden“. Wir haben da unterschiedliche Auffassungen von Denkmalpflege.

Vielleicht war der Jugendstil moderner, als wir denken

Langsam bewegte ich mich wieder Richtung Körbchen. Mein Bildungsauftrag für diesen Vormittag war eindeutig erfüllt. Aber eines musste ich dem Jugendstil lassen: Vor mehr als hundert Jahren wollten Menschen nicht mehr einfach das nachmachen, was schon Generationen vor ihnen gemacht hatten. Sie suchten neue Formen, ließen sich von der Natur inspirieren und wollten Handwerk, Gestaltung und Alltag miteinander verbinden. Und heute? Heute sprechen wir wieder darüber, dass nicht alles gleich aussehen muss, dass gutes Handwerk einen Wert hat, dass Dinge länger halten dürfen und dass ein Zuhause persönlicher wird, wenn darin nicht alles aussieht wie Seite 37 eines Möbelkatalogs. Vielleicht ist Jugendstil deshalb gar nicht so altmodisch. Vielleicht verstehen wir ihn heute sogar wieder besonders gut.

Ich erreichte mein Körbchen, drehte mich zweimal im Kreis und ließ mich hineinfallen. „Na, Pauline?“, fragte Frauchen. „Was hast du heute gelernt?“ Ich dachte kurz nach. Dass der Jugendstil um 1900 eine kleine Revolution war. Dass die Natur plötzlich über Möbel rankte. Dass eine Zeitschrift einer ganzen Kunstrichtung ihren Namen gab. Und dass manche Ideen nach mehr als hundert Jahren erstaunlich aktuell sein können. Vor allem aber habe ich gelernt: Kurven sind schön, ein bisschen Patina schadet niemandem – und nach so viel Kunstgeschichte hat ein Basset eindeutig Anspruch auf ein Leckerli. Damit wäre das geklärt.

Neu bei Antik & Stil

Drei Jugendstil-Schätze, die gerade besonders gut zu Paulines Zeitreise passen.

Alle Neuheiten entdecken →

Schreibe einen Kommentar

Nach oben scrollen