Sekretär oder Schreibtisch? Pauline will es genau wissen

Schreibtisch oder Sekretär?

Sekretär oder Schreibtisch?

Hallo, hier ist wieder eure Pauline von Antik & Stil. Ich muss euch heute von einem Problem erzählen, über das offenbar nur ich mir Gedanken mache. Bei uns stehen nämlich jede Menge Möbel herum. Große, kleine, helle, dunkle, welche mit Schubladen, welche mit Türen und manche haben so viele Fächer, dass ich langsam den Verdacht habe, die Menschen früher hatten einfach viel mehr Sachen zu verstecken. Nun stand ich neulich vor einem besonders hübschen Möbel und Frauchen sagte ganz selbstverständlich: „Das ist ein Sekretär.“ Ich habe gewartet. Nichts passierte. Also fragte ich: „Frauchen, und wo ist der Sekretär?“ – „Na da.“ – „Wo?“ – „Vor dir.“ Ich schaute noch einmal. Ein Möbel. Kein Mensch. Kein Telefon. Und kein Terminkalender. Niemand, der Kaffee kochte oder Briefe tippte. „Pauline, das Möbel heißt Sekretär.“

Ach so. Menschen! Einen Schrank nennen sie Sekretär, einen Tisch nennen sie Schreibtisch – und an beiden wird geschrieben. Und wir Hunde sollen angeblich diejenigen sein, denen man alles dreimal erklären muss. Also habe ich beschlossen, dass wir das heute klären. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Sekretär und einem Schreibtisch? Welches Möbel war zuerst da? Warum gibt es riesige Bibliothekssekretäre und kleine elegante Damensekretäre? Und was hat Napoleon III. mit der ganzen Sache zu tun? Ich habe Frauchen gefragt. Und wenn Frauchen bei alten Möbeln erst einmal anfängt zu erzählen, kann man sich besser hinlegen. Das dauert.

Elegantes antikes Schreibmöbel mit Aufsatz und Schubladen – historischer Schreibtisch bei Antik & Stil

Was war zuerst da - Sekretär oder Schreibtisch

Ich wollte natürlich eine klare Antwort. „Frauchen, wann wurde der Schreibtisch erfunden?“ Und was kam? „So einfach kann man das nicht sagen, Pauline.“ Das sind Antworten, die ich besonders liebe. Denn den einen Erfinder des Schreibtisches gab es tatsächlich nicht. Menschen schrieben schon lange, bevor es den Schreibtisch in der Form gab, wie wir ihn heute kennen. Es gab Schreibpulte, Tische, Truhen und andere Möbel, auf denen geschrieben und gelesen wurde. Mit der Zeit wurden daraus immer ausgefeiltere Schreibmöbel. Spätestens im 18. Jahrhundert gab es bereits ausgesprochen luxuriöse Schreibtische. Ein berühmtes französisches Bureau plat wurde beispielsweise 1759 für das Arbeitszimmer von König Ludwig XV. in Versailles gefertigt.

Da musste ich noch einmal nachfragen. „Frauchen, ein König hatte einen Schreibtisch?“ – „Natürlich.“ – „Musste der etwa auch arbeiten?“ Frauchen hat mich nur angesehen. Ich bleibe dabei: Wenn man schon König ist und trotzdem einen Schreibtisch braucht, stimmt irgendetwas am System nicht. Ein Schreibtisch hatte aber einen großen Vorteil: Die Schreibfläche war immer da. Hinsetzen, Feder und Tinte heraus, Papier auf den Tisch und los ging es. Heute stehen dort Laptop, Telefon und Kaffeetasse – grundsätzlich hat sich also gar nicht so viel verändert. Nur die Tintenfässer sind weniger geworden und die Ladekabel mehr.

Großer antiker Schreibtisch mit Schubladen und großzügiger Schreibfläche bei Antik & Stil

Dann wird es raffiniert: der Sekretär

Nun kommen wir zu dem Möbel, das meine ganze Untersuchung überhaupt erst ausgelöst hat. Der Sekretär entwickelte sich aus verschiedenen Formen von Schreib- und Aufbewahrungsmöbeln. Besonders im 18. Jahrhundert wurden jene Formen populär, die wir heute mit einem klassischen antiken Sekretär verbinden: außen ein elegantes Möbel, innen ein kompletter kleiner Arbeitsplatz. Klappe auf – Büro da. Klappe zu – Büro weg. Als Frauchen mir das erklärte, musste ich kurz überlegen. „Frauchen?“ – „Ja, Pauline?“ – „Dann haben die Menschen vor über 200 Jahren schon das Homeoffice erfunden.“

 

Eigentlich genial. Man schreibt seine Briefe, erledigt seine Rechnungen, klappt anschließend alles zu und der Besuch denkt, man sei ein ordentlicher Mensch. Das gefällt mir. Beim normalen Schreibtisch sieht schließlich jeder, was man liegengelassen hat. Und ein Sekretär konnte noch viel mehr. Hinter seiner Schreibklappe versteckten sich oft kleine Schubladen, Ablagen und Fächer für Briefe, Dokumente, Schreibutensilien und persönliche Dinge. Bei besonders aufwendigen historischen Schreibmöbeln gab es sogar verborgene Fächer und raffinierte Mechanismen. An dieser Stelle habe ich aufgehört, gelangweilt zu sein. „Frauchen, was heißt verborgene Fächer?“ – „Geheimfächer.“ Geheimfächer! Warum sagt sie das denn nicht gleich? „Und was war da drin?“ – „Zum Beispiel wichtige Briefe, Geld, Dokumente oder persönliche Dinge.“ – „Hundekekse?“ – „Vermutlich eher selten.“ Das weiß Frauchen doch überhaupt nicht. Ich bin deshalb dafür, jeden antiken Sekretär gründlich zu kontrollieren. Rein wissenschaftlich natürlich.

Antiker Sekretär mit Schubladen und verschließbarem Schreibbereich – historisches Schreibmöbel

Also: Was ist der Unterschied zwischen Sekretär und Schreibtisch?

Jetzt habe ich es verstanden und kann es euch erklären. Ein Schreibtisch ist in erster Linie ein Arbeitsmöbel mit einer dauerhaft offenen Schreib- und Arbeitsfläche. Er kann Schubladen, Türen oder Aufbauten besitzen, aber die Tischplatte bleibt normalerweise verfügbar. Ein Sekretär verbindet dagegen Schreibplatz und Aufbewahrungsmöbel miteinander. Seine Schreibfläche lässt sich je nach Konstruktion herunterklappen, herausziehen oder hinter einem Rollladen beziehungsweise einer anderen Verschlussform verbergen. Dahinter befinden sich häufig kleine Fächer und Schubladen. Oder in meiner Sprache: Schreibtisch: Arbeiten und hinterher sieht jeder das Chaos. Sekretär: Arbeiten, Klappe zu – keiner weiß etwas. Warum Frauchen mir dafür erst einen Vortrag über Möbelgeschichte halten musste, weiß ich auch nicht.

Natürlich gibt es bei antiken Möbeln zahlreiche Misch- und Sonderformen. Schreibschränke, Zylindersekretäre, Rollsekretäre, Aufsatzsekretäre und Bibliothekssekretäre zeigen, wie erfinderisch die Möbelbauer im Laufe der Jahrhunderte waren. Und bei uns steht dafür ein ziemlich beeindruckendes Beispiel.

Unser Bibliothekssekretär – ein Sekretär in ziemlich groß

Ich hatte nämlich zunächst gedacht, ein Sekretär wäre grundsätzlich ein eher schmales Möbel. Dann zeigte Frauchen auf unseren englischen Bibliothekssekretär aus Mahagoni um 1900. „Das ist auch einer.“ Ich habe nach oben geguckt. Und noch ein bisschen weiter nach oben. „Frauchen, das ist kein Sekretär. Das ist eine Immobilie.“ Aber tatsächlich verbindet ein solcher Bibliothekssekretär mehrere Funktionen miteinander. Bücher und Unterlagen konnten aufbewahrt werden, gleichzeitig gab es einen Schreibplatz. Solche repräsentativen Möbel gehörten in Bibliotheken, Arbeits- und Herrenzimmer und durften durchaus zeigen: Hier wird gelesen, geschrieben und gearbeitet – und ein bisschen Eindruck machen darf es auch.

Das verstehe ich wiederum. Wenn schon Möbel, dann soll man sie schließlich auch sehen. Und genau deshalb sind solche Stücke heute so faszinierend. Sie waren nicht einfach nur praktisch. Sie gehörten zur Gestaltung eines ganzen Raumes und erzählten etwas über ihren Besitzer. „Also großer Schreibtisch oder großer Sekretär gleich wichtiger Mensch?“, fragte ich. „Nicht unbedingt, Pauline.“ Schade. Ich hatte mich gerade nach einem größeren Schreibtisch für die Geschäftsleitung umgesehen.

Englischer Bibliothekssekretär aus Mahagoni um 1900 – antikes Schreib- und Bibliotheksmöbel bei Antik & Stil

Und dann gibt es noch den Damensekretär

Jetzt kommen wir zu einem meiner Favoriten. Bei uns steht nämlich auch ein kleiner, dunkler und ausgesprochen eleganter Damensekretär im Napoleon-III.-Stil. Und natürlich hatte ich sofort eine Frage. „Frauchen, warum heißt der Damensekretär?“ Kleinere elegante Schreibmöbel wurden für private Wohnräume geschaffen und werden heute häufig als Damensekretäre oder Damenschreibmöbel bezeichnet. Schon im 18. Jahrhundert waren in Frankreich besonders feine kleinere Schreibmöbel beliebt. Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte Bonheur du jour, ein elegantes Möbel zwischen kleinem Schreibtisch und Sekretär, das in Frankreich im 18. Jahrhundert in Mode kam. Solche Möbel mussten nicht riesig sein. Sie sollten praktisch sein, aber gleichzeitig elegant wirken und sich harmonisch in einen Wohnraum einfügen.

 

Unser kleiner dunkler Damensekretär gehört stilistisch in die Welt Napoleons III., also des französischen Second Empire in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit griff man mit großer Begeisterung auf frühere Stilrichtungen zurück, kombinierte sie neu und liebte elegante, dekorative und teilweise ausgesprochen repräsentative Möbel. „Napoleon III.?“, fragte ich. – „Ja.“ – „Gab es vorher Napoleon I. und II.?“ Frauchen holte schon Luft. „Lass gut sein“, sagte ich. „Das machen wir in einem anderen Blog.“ Man muss schließlich wissen, wann Feierabend ist.

Unser Damensekretär zeigt jedenfalls wunderbar, dass ein Schreibmöbel nicht riesig sein muss, um etwas Besonderes zu sein. Gerade solche kleineren Sekretäre sind heute wieder interessant. Sie brauchen vergleichsweise wenig Platz, bieten Stauraum und einen Schreibplatz und sehen dabei wesentlich schöner aus als so mancher moderne Computertisch. Ich habe ihn mir deshalb noch einmal ganz genau angesehen. „Frauchen, ein Damensekretär. Der wäre doch etwas für dich.“ – „Und für dich?“ – „Nein.“ – „Warum nicht?“ „Ich bin Geschäftsleitung. Ich brauche keinen Schreibtisch. Ich brauche Personal.“ Manchmal muss man Frauchen wirklich die einfachsten Dinge erklären.

ntiker Damensekretär im Napoleon-III.-Stil aus dem 19. Jahrhundert bei Antik & Stil

Von Biedermeier bis Napoleon III. – jede Zeit schrieb anders

Natürlich sahen Schreibmöbel nicht über Jahrhunderte gleich aus. Materialien, Furniere, Beschläge, Füße, Säulen, Verzierungen und Proportionen veränderten sich mit den verschiedenen Epochen. Empire, Biedermeier, Historismus, Napoleon III. und andere Stilrichtungen hinterließen ihre Spuren.

Manche Schreibmöbel wirken streng und architektonisch, andere leicht und elegant, wieder andere ausgesprochen repräsentativ. Und genau hier beginnt für Frauchen bei Antik & Stil immer der spannende Teil. Sie betrachtet das Holz, die Konstruktion, die Beschläge, die Schubladen und die Gebrauchsspuren. Denn ein antikes Schreibmöbel erzählt nicht nur etwas über seine Epoche, sondern auch über die Menschen, die es benutzt haben. Vielleicht wurde an einem unserer Sekretäre einmal ein Liebesbrief geschrieben. Oder vielleicht lag darin ein wichtiger Vertrag. Vielleicht wurden dort Rechnungen aufbewahrt. Und vielleicht versteckte jemand einen Brief, den niemand lesen sollte. Oder vielleicht zog schon vor 150 Jahren jemand eine Schublade auf und sagte: „Wo zum Teufel habe ich das hingelegt?“ Da sind wir uns nämlich ziemlich sicher: Das ist keine moderne Erfindung.

Und was ist heute besser – Sekretär oder Schreibtisch?

Nach meiner umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchung kann ich sagen: Es kommt darauf an. Wer jeden Tag viele Stunden arbeitet, viel Fläche braucht und Unterlagen ausbreiten möchte, wird mit einem großen Schreibtisch wahrscheinlich glücklicher. Wer dagegen einen kleinen Arbeitsplatz im Wohnzimmer, Schlafzimmer oder Gästezimmer möchte, könnte mit einem Sekretär eine erstaunlich praktische Lösung finden. Laptop heraus, arbeiten, Laptop wieder hinein, Klappe schließen – und der Raum ist wieder ein Wohnraum. Eigentlich finde ich es ziemlich lustig: Wir Menschen – Entschuldigung, ihr Menschen – reden ständig über moderne Wohnkonzepte, Homeoffice und multifunktionale Möbel. Dabei stehen Lösungen dafür seit über 200 Jahren bei uns herum. Manchmal muss man eben nicht etwas Neues erfinden. Manchmal muss man nur ein altes Möbel wiederentdecken.

 

Und genau das liebe ich an Antik & Stil. Jedes dieser Möbel hat schon ein Leben hinter sich. Ein Schreibtisch oder Sekretär ist nicht einfach nur Holz mit Schubladen. Irgendjemand saß davor. Jemand öffnete diese Schubladen. Jemand schrieb dort Briefe, traf Entscheidungen, bezahlte Rechnungen oder bewahrte Dinge auf, die ihm wichtig waren. Heute dürfen diese Möbel weiterleben – mit neuen Menschen, neuen Geschichten und vermutlich einem Laptop anstelle des Tintenfasses. Und vielleicht mit einem Basset Hound davor. Denn ich habe inzwischen meine Entscheidung getroffen. Der große Schreibtisch ist mir zu offen. Beim Bibliothekssekretär brauche ich für die obere Etage vermutlich eine Leiter. Der kleine Damensekretär gefällt mir ausgesprochen gut. Aber mein persönlicher Sieger ist und bleibt: der Sekretär mit den meisten Geheimfächern. Warum? Nun wirklich. Wegen der Hundekekse.

 

Bis zum nächsten Mal und liebe Grüße
eure Pauline von Antik & Stil,

Frauchen Gabriele 

und das gesamte Team von Antik & Stil

 

 

PS: Falls ihr bei einem alten Sekretär ein Geheimfach entdeckt, bitte erst nachsehen, ob Gold darin liegt. Falls nicht, bitte auf Hundekekse kontrollieren. Für eine fachkundige Zweitprüfung stehe ich selbstverständlich zur Verfügung.

 

PPS: Frauchen behauptet, ich hätte inzwischen genug Sekretäre untersucht. Gefunden habe ich zwei Krümel, einen alten Bleistift und kein Gold. Ich sehe keinen Grund, die Forschung deshalb einzustellen. 

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