Ein langes Leben für schöne Dinge – Kintsugi und die Kunst, nicht alles wegzuwerfen

Von Pauline, der Basset-Dame mit einem ausgesprochen guten Gespür für Dinge, die noch lange nicht zum alten Eisen gehören.

Ich lag unter dem Tisch. Aus wissenschaftlichen Gründen natürlich. Man muss schließlich regelmäßig überprüfen, ob Menschen beim Essen etwas verlieren. Da hörte ich Frauchen plötzlich sagen: „Ach du meine Güte.“ Nun kenne ich diesen Satz. Er bedeutet meistens, dass gleich entweder ein Lappen, Werkzeug oder Detlev gebraucht wird. Diesmal stand Frauchen allerdings vor einem alten Herrn. Und der hatte – das muss man leider so deutlich sagen – seinen Kopf verloren.

Alte Figur mit abgebrochenem Kopf vor der Reparatur
Unser alter Herr vor der Reparatur – der Kopf hatte sich leider verabschiedet.

„Frauchen?“ – „Ja, Pauline?“ – „Ich möchte ja nicht kleinlich sein. Aber ich glaube, der Mann hat ein Problem.“ Frauchen sah erst den Kopf und dann mich an. „Der ist abgebrochen.“ – „Das hatte ich bereits messerscharf kombiniert.“ Der alte Herr gehört schon sehr lange zu unserer Familie. Mein Frauchen hat ihn von ihrem Großvater, der ihn aus Frankreich mitgebracht hatte. Er hat Jahrzehnte überstanden, Umzüge erlebt und wahrscheinlich mehr Familiengeschichten mitbekommen, als ich Leckerchen versteckt habe. Und nun sollte ausgerechnet ein abgebrochener Kopf sein Ende bedeuten? Nicht mit Frauchen. Der Kopf wurde wieder befestigt. Aber die Bruchstelle einfach so zu verstecken, als wäre nie etwas gewesen? Da kam Frauchen auf eine Idee: Kintsugi.

Kintsugi – ungefähr „Kin-tsu-gi“ ausgesprochen – ist eine traditionelle japanische Reparaturkunst, die vor allem von zerbrochener Keramik bekannt ist. Dabei werden Bruchstellen nicht möglichst unsichtbar gemacht. Traditionell arbeitet man mit japanischem Lack, dem sogenannten Urushi, und Metallpulver wie Gold. Die Reparatur wird dadurch selbst zu einem sichtbaren Teil des Gegenstandes. Wie Kintsugi genau entstanden ist, lässt sich heute nicht zweifelsfrei belegen. Eine oft erzählte Geschichte führt jedoch ins Japan des 15. Jahrhunderts zum Shōgun Ashikaga Yoshimasa, einem bedeutenden Kunstsammler und Förderer der Teekultur. Der Überlieferung zufolge ließ er eine geliebte chinesische Teeschale reparieren und war mit der sichtbaren Reparatur durch Metallklammern so unzufrieden, dass nach einer schöneren Lösung gesucht wurde. Ob Kintsugi tatsächlich genau so geboren wurde, wissen wir nicht. Die Geschichte erklärt aber wunderbar den Gedanken dahinter: Ein wertvoller Gegenstand muss nicht wertlos werden, nur weil er einen Bruch erlebt hat.

„Du willst dem jetzt aber keinen goldenen Hals machen?“, fragte ich. Frauchen grinste. Da wusste ich: Doch. Natürlich machen wir bei unserem alten Herrn kein traditionelles Kintsugi im streng handwerklichen Sinn – er ist schließlich keine japanische Teeschale. Wir übernehmen die Idee des Kintsugi. Die reparierte Stelle darf sichtbar bleiben und bekommt einen goldenen Akzent. Und weil unser Herr sowieso schon alte Goldspuren an Hut, Kleidung und Stiefeln trägt, haben wir ihm auch dort ein wenig von seinem früheren Glanz zurückgegeben.

Historische Figur vor der Restaurierung mit sichtbarer reparierter Bruchstelle am Hals
Vorher: Die reparierte Stelle am Hals ist noch deutlich sichtbar.

Und plötzlich sieht man ihn anders. Nicht wie einen alten beschädigten Gegenstand, sondern wie etwas, das schon ein langes Leben hinter sich hat und trotzdem bleiben darf. Genau das kennen wir auch aus unserer täglichen Arbeit mit antiken Möbeln. Ein alter Tisch hat vielleicht Kratzer. Eine Kommode zeigt Abrieb an den Kanten. Ein Schrank besitzt Beschläge, die nicht mehr aussehen wie am ersten Tag. Und selbstverständlich gibt es Schäden, die fachgerecht restauriert werden müssen. Aber ein Möbelstück, das hundert oder hundertfünfzig Jahre alt ist, muss anschließend nicht aussehen, als wäre es gestern aus einer Fabrik gekommen. Manche Spuren sind keine Fehler. Sie sind Patina und Geschichte.

Jemand hat an diesem Tisch gegessen. Jemand hat die Schublade einer Kommode tausendmal geöffnet. Ein Sessel wurde neu bezogen, weil man ihn behalten wollte. Ein Schrank wurde repariert, weil er seinem Besitzer etwas bedeutete. Genau darin liegt für uns der schöne Gedanke hinter Kintsugi: Nicht alles, was Spuren trägt, muss ersetzt werden. Manches wird gerade durch seine Geschichte besonders.

Restaurierte historische Figur mit goldenen Akzenten im Kintsugi-Gedanken
Nachher: Die sichtbare Reparatur und die goldenen Akzente geben dem alten Herrn neuen Glanz.

Unser alter Herr hat seinen Kopf jedenfalls wieder. Dazu einen goldenen Hals, etwas aufgefrischten Glanz und eine weitere Geschichte in seinem ohnehin schon ziemlich langen Leben. Frankreich, Großvater, Familie, Jahrzehnte bei uns – und irgendwann dieser etwas unglückliche Zwischenfall mit dem Kopf. Für einen Herrn seines Alters kann man schlechter dastehen.

Und damit beginnt unsere neue Reihe „Ein langes Leben für schöne Dinge“. Einmal im Monat schauen Frauchen und ich uns Dinge an, die alt, beschädigt, übrig geblieben oder ein wenig aus der Mode gekommen sind. Wir fragen uns: Muss das wirklich weg? Kann man es reparieren, restaurieren oder noch einmal anders verwenden? Denn manchmal steckt gerade in den Dingen, die schon etwas erlebt haben, viel mehr Schönheit als in etwas vollkommen Neuem.

Eure Pauline 🐾

P.S. Aus Kintsugi wurde plötzlich Resteküche

Eigentlich wäre unsere Geschichte jetzt zu Ende gewesen. Eigentlich. Dann ging ich in die Küche. Da lagen noch Rührkuchen und ein Stück Dresdner Christstollen. „Frauchen? Du hast mir gerade eine ganze Geschichte darüber erzählt, dass man alte Sachen nicht einfach wegwirft.“ – „Richtig.“ – „Und was passiert mit dem Kuchen?“ Frauchen schaute zum Kuchen. Dann zu mir. Und so wurde aus Kintsugi plötzlich Resteküche.

Nein, wir haben den Kuchen nicht mit Gold zusammengeklebt. Obwohl ich bereit gewesen wäre, das wissenschaftlich zu testen. Stattdessen entstanden daraus unsere Punschberge: saftig, schokoladig und ein ziemlich überzeugender Beweis dafür, dass aus Resten noch einmal etwas richtig Gutes werden kann.

Paulines Punschberge aus Kuchen- und Stollenresten
Und aus Resten wurde noch einmal etwas richtig Gutes: unsere Punschberge.

Paulines Punschberge aus Kuchen- und Stollenresten

Für unsere Punschberge haben wir etwa 300 g Rührkuchen und 150 g Dresdner Christstollen fein zerbröselt. Dazu kamen gehackte Walnüsse, Quittenmarmelade, etwas Zimtfüllung und nach Geschmack ein wenig Jim Beam, Amaretto und Cointreau. Alles wird zu einer saftigen, gut formbaren Masse vermengt. Hafertaler dünn mit Quittenmarmelade bestreichen, kleine Berge aus der Masse daraufsetzen und anschließend mit Schokolade oder Kuvertüre überziehen. Bei uns wurden daraus 17 Punschberge und vier kleine Pralinen.

Für Pauline gab es übrigens keinen Probierberg. Frauchen behauptet, das läge am Alkohol. Ich halte das für eine ausgesprochen bequeme Ausrede.

Frauchen sagt außerdem, Kintsugi lehre uns, dass man die Spuren eines langen Lebens nicht verstecken muss. Das finde ich ausgesprochen beruhigend. Dann können wir mit ihren Falten ja offenbar auch ganz entspannt umgehen.

Seit diesem Satz darf ich heute übrigens nicht mehr in die Küche.

Aber keine Sorge – nächste Woche bin ich wieder da. Mit einer neuen Geschichte, neuen alten Schätzen und vermutlich auch neuem Ärger mit Frauchen.

Bis dahin macht’s gut und bleibt neugierig!
Eure Pauline 🐾

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